Aus dem Pfarrgarten

In den sauren Apfel beißen. Feststellen: Der ist gar nicht so sauer. Bald werden süßere vom Baum kommen. Hoffnung schmecken.

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Coram deo

In Sandalen,
ohne geschlossene Schuhe,
im T-Shirt,
ohne ordentliches Hemd,
dienstfrei ohne Talar
im Abendmahlskreis stehen.

Weil Gott
weder Talar noch Anzug,
sondern nur das Herz ansieht.
Weil Gottesdienst
nicht am Tag des Sonntagsstaats
sondern am Tag des Herrn ist,
der zum Aufbruch ruft,
weg von der äußeren Sicherheit.

Ist das noch,
was Pfarrer so machen,
oder doch
Freiheit vom schwarzen Kittel?

Glattgeschliffen

„Ich habe mich gefreut, als du kamst: Endlich mal jemand, der nicht so glattgeschliffen ist wie die anderen“ sagte eine zu mir.

Aber wer nicht glattgeschliffen ist, hat raue Kanten.
Raue Kanten geben Anlass für Verletzungen und Zweifel.

„Es darf keine Zweifel geben“
heißt es aus der Gemeinde und im Dienstrecht.
Ich spüre: Da wirken Mächte, die glattschleifen.

„Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht,
wie einen Kieselstein“ (Jes 50,7)
hieß es gestern im Palmsonntagspredigttext.

Sein wie der Kieselstein.
Glattgeschliffen,
aber trotzdem schwerer als das Treibholz.
Unten im Fluss,
statt oben an der Piratenflagge,
trotzdem nicht mit jeder Welle mitgehen
– vielleicht wär das auch nicht schlecht, denn:

„Wenn diese schweigen werden,
so werden die Steine schreien.“ (Lk 19,40)

Perfekt? – Frohe Weihnachten!

„Das muss perfekt sein!“ sagtest du, liebe Kollegin,
zu mir über die Gestaltung der Christvesper.

Ja, klar. An Heiligabend kommen die Leute.
Da wollen wir zeigen, was wir können …
Nein, was der kann,
den wir perfekt verkündigen wollen.
Perfekt, damit jede*r sich berührt fühlt.
Perfektion ist wichtig im Gottesdienst,
professionell soll’s sein, sagt Pollack.

Die Leute machen daheim ja auch alles perfekt
für’s Fest.
Der Baum wird geputzt,
die Wohnung auch.
Und der hässliche Streit
bleibt bis zum 2. Feiertag
hoffentlich hinter dem Sofa versteckt.
Wenn dann auch das Essen schmeckt,
ist alles perfekt.

Wenn daheim schon alles perfekt ist,
was sollen die Leute dann
bei uns in der Kirche noch finden?

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Gottesbegegnungen

Was macht der Pfarrer, wenn er nicht da ist? Oft FEA: Fortfahren, Erholen, Ausschlafen. Oder: Fortbildung in den ersten Amtsjahren. – Und worum geht’s da? Ich habe ein paar Eindrücke von einer Fortbildung in dieser Woche mitgebracht:

Steine
aufgetürmt vor Zeiten.
Türme.
Glocken.
Redeorte.
Höreorte.
Tauforte.
Orte der Ruhe.
Ruhe für mich.
Ruhe für andere erfahrbar machen.

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Digitalromantik als Motivation

(Wie) Bewegt sich Kirche in der digitalen Welt? Hannes Leitlein hat mit „Und wie wir wandern im finstern Digital“ in „Christ & Welt“ eine Debatte angestoßen: Auf Twitter wird intensiv diskutiert, die Blogosphäre der Heiligen zeigt ihre Vielfalt und Best-Practice-Listen entstehen. Christoph Breit hat in seiner Liste „Das funzt 2punkt0“ auch dieses Blog und die Namen von Karolin Gerleigner und mir genannt. Vielen Dank, Christoph – aber eigentlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich so wenig Zeit zum Bloggen finde. Ist unser Blog wirklich so vorzeigbar? Sollte ich mir vielleicht – wie Tobias Graßmann – überlegen, was ich sage, wenn mich jemand aus dem Landeskirchenamt anruft? Vielleicht nehme ich die uralten Worte, die am Rand des Wegs, der mich ins Digital führt, in Stein gemeißelt sind:

„Governments of the Industrial World, you weary giants of flesh and steel, I come from Cyberspace, the new home of Mind. On behalf of the future, I ask you of the past to leave us alone. You are not welcome among us. You have no sovereignty where we gather.“

John Perry Barlow (8.2.1996)
A Declaration of the Independence of Cyberspace

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Hab ich mich schon eingelebt?

Am Sonntag war Judika. Vor einem Jahr wurde ich am Sonntag Judika ordiniert. „Haben Sie sich schon eingelebt?“ fragten viele Leute mich damals und manche fragen mich noch heute. Jetzt wird’s mal Zeit für eine ausführliche Antwort.

Wenn man das „Einleben“ auf einer Skala von 0 bis 10 (mit 10 als Äquivalent zum Eingeborenen, der sein Dorf am Obermain nie verlassen hat) abbildet, habe ich vielleicht 6 erreicht. Und da fühle ich mich sehr wohl.

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