Hab ich mich schon eingelebt?

Am Sonntag war Judika. Vor einem Jahr wurde ich am Sonntag Judika ordiniert. „Haben Sie sich schon eingelebt?“ fragten viele Leute mich damals und manche fragen mich noch heute. Jetzt wird’s mal Zeit für eine ausführliche Antwort.

Wenn man das „Einleben“ auf einer Skala von 0 bis 10 (mit 10 als Äquivalent zum Eingeborenen, der sein Dorf am Obermain nie verlassen hat) abbildet, habe ich vielleicht 6 erreicht. Und da fühle ich mich sehr wohl.

Das Pfarrhaus ist weitgehend eingerichtet (Kleinigkeiten, die noch fehlen, und Dinge, die noch in Kartons auf dem Dachboden versteckt sind, vermisse ich selten). Ich genieße die herrliche Landschaft zwischen meinen 16 Dörfern und finde bei Geburtstagsbesuchen inzwischen die meisten Adressen ohne Ortsplan. Wenn ich beim Predigen von der Kanzel schaue, sehe ich keine anonyme Gemeinde, sondern jetzt überwiegend Menschen, von denen ich Namen und die eine oder andere Episode aus der Lebensgeschichte kenne. Wenn ich Gruppen, Kreisen und Chören im Gemeindezentrum und an anderen Orten begegne oder in die Bücherei gehe, sehe ich viele Ehrenamtliche, die eigenständig sehr gute Arbeit leisten. Darauf hatte ich bei der Lektüre der Stellenbeschreibung im Amtsblatt gehofft und das habe ich hier tatsächlich gefunden. Manche Baustellen, die (teilweise) im Amtsblatt angekündigt waren, habe ich ebenfalls gefunden und inzwischen habe ich gelernt, mit ihnen so umzugehen, dass auch noch Zeit für andere Aufgaben bleibt.

Kontakte zur Kommunalpolitik (mit Stufe-10-Eingeborenen, die sich schon seit Jahrzehnten kennen) sowie zu katholischen Brüdern (mit denen mich die Erfahrung von Fremdheit gegenüber Eingeborenen vielleicht manchmal verbindet) und Schwestern sind vorhanden, aber noch ausbaufähig. Und vielleicht komme ich demnächst auch mal dazu, die Formulare diverser lokaler Vereine auszufüllen, die mich gerne als Mitglied hätten. Da geht noch was auf der Skala des Einlebens!

Ich bin ja kein Eingeborener – nach welchem Wert auf der Skala sollte ich streben? „Möglichst nah an die 10 ran!“ sagen viele. Aber wie weit komme ich überhaupt in drei Jahren? Ich bin ja erstmal nur bis zum Ende meines Probedienstes im Februar 2019 hier. Ich kann mir zwar  im Moment gut vorstellen, den Kirchenvorstand dann zu fragen, ob ich länger bleiben kann, aber jetzt haben wir erst 2017. Und ich glaube, auch im Jahr 2019 wird’s auf der Skala des Einlebens eine Grenze geben, die ich nicht überschreiten will.

„Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege“ sagte Jesus zu einem, der ihn folgen wollte (Mt 8,20).

Die Pfarrer haben Häuser, in denen sie ihre Häupter und manch anderes hinlegen. Aber als Pfarrer bin ich nicht nur dazu berufen, die Stufe-10-Eingeborenen in die Nachfolge des Menschensohns einzuladen, die schon mit ihren (Groß)Eltern in die Kirche kamen. Diejenigen, die in Woffendorf im Hochhaus wohnen und an der Wolga aufgewachsen sind, gehören auch zur Gemeinde. Und wenn ich den Enkeln der Wolgadeutschen, die heute neben den Enkeln der alten Strössendorfer am Großen Flügel in Weidnitz ohne großen Bezug zu den alten Traditionen leben, die Relevanz des Evangeliums für ihr Leben vermitteln soll, dann ist es gut, dass ich keiner von denen bin, die sagen können „das war schon immer so.“

Die Menschen bleiben nicht so, wie sie einmal waren. „Heut gehen die Leute nicht mehr in die Kirchen“ klagen viele. Aber wir sind nicht Gemeinde, um in unseren Kirchen zu klagen, sondern um die Frohe Botschaft vom Menschensohn in die Welt zwischen Maineck und Neuses zu tragen. Im Gespräch mit denen, die sich in unseren traditionellen Gottesdiensten, Chören, Gruppen und Kreisen nie eingelebt haben, kann es hilfreich sein, wenn ich selbst etwas Distanz zu meiner Gemeinde habe. Das  hilft mir, die zu verstehen, die wir „Kirchendistanzierte“, „Unerreichte“ oder „Indifferente“ nennen.

Vielleicht könnten die, für die Vieles nicht selbstverständlich ist, allen wertvolle Impulse geben: „Warum muss ich zum Konfirmandenunterricht nach Altenkunstadt wenn ich in Weidnitz wohne und in Burgkunstadt zur Schule gehe?“ fragen manche Konfirmanden (und deren Eltern). Natürlich kann ich antworten, dass Weidnitz schon immer zu Strössendorf gehört hat. Aber es gibt auch Altenkunstädter, die im Posaunenchor Burgkunstadt aktiv sind (und sich fast entschuldigen, wenn sie mir davon erzählen). Warum nehmen wir nicht stärker wahr, dass die Kommunen Altenkunstadt und Burgkunstadt für viele Menschen heute einen einheitlichen Lebensraum bilden? Wer weiß, was entstehen könnte, wenn die zwei evangelischen Kirchengemeinden in diesem Raum stärker zusammenarbeiten und sich gegenseitig bereichern!

Die Landessynode hat letzte Woche den Prozess „Profil und Konzentration“ gestartet, der uns dazu aufruft, unseren Auftrag als Kirche und die Lebensräume der Menschen, für die wir Kirche sind, ernster zu nehmen als geschichtlich gewachsene Strukturen. Ich verstehe das als Ermutigung zum Gemeindeaufbau (nachdem wir im Predigerseminar vor 2-3 Jahren überlegt haben, ob wir noch aufbauen können oder alles zurückbauen müssen). Wir sind eine Kirche, die sich immer wieder verändern kann. Deshalb müssen wir uns nie ganz im Bestehenden einleben.


PS: Auch der digitale Raum ist ein interessanter Lebensraum für Begegnungen. Auf Facebook sind Menschen (wieder) leicht erreichbar, die aus Familien in unserer Gemeinde stammen und sich unseren Kirchen verbunden fühlen, aber jetzt in Orten wohnen, die wir von unseren Kirchtürmen aus nicht sehen.

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