Digitalromantik als Motivation

(Wie) Bewegt sich Kirche in der digitalen Welt? Hannes Leitlein hat mit „Und wie wir wandern im finstern Digital“ in „Christ & Welt“ eine Debatte angestoßen: Auf Twitter wird intensiv diskutiert, die Blogosphäre der Heiligen zeigt ihre Vielfalt und Best-Practice-Listen entstehen. Christoph Breit hat in seiner Liste „Das funzt 2punkt0“ auch dieses Blog und die Namen von Karolin Gerleigner und mir genannt. Vielen Dank, Christoph – aber eigentlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich so wenig Zeit zum Bloggen finde. Ist unser Blog wirklich so vorzeigbar? Sollte ich mir vielleicht – wie Tobias Graßmann – überlegen, was ich sage, wenn mich jemand aus dem Landeskirchenamt anruft? Vielleicht nehme ich die uralten Worte, die am Rand des Wegs, der mich ins Digital führt, in Stein gemeißelt sind:

„Governments of the Industrial World, you weary giants of flesh and steel, I come from Cyberspace, the new home of Mind. On behalf of the future, I ask you of the past to leave us alone. You are not welcome among us. You have no sovereignty where we gather.“

John Perry Barlow (8.2.1996)
A Declaration of the Independence of Cyberspace

Nein, vom „Cyberspace“ spricht doch heute keine(r) mehr! OK, fast keine(r): Vorgestern kam eine Mail, mit der die Pfarrfrau zu einer Tagung mit dem Titel „Unterwegs in fremde Galaxien … Bloggen, Posten, Twittern, Surfen“ im Mai 2017 eingeladen wurde. Aber beim Blick auf die Referentenliste dieser Tagung vermute ich trotz des Titels, dass sogar Pfarrfrauen heute beigebracht wird, dass das digitale Leben mitten im analogen stattfindet – und umgekehrt.

Anders als John Perry Barlow will ich die Regierungen und kirchenleitende Organe aus dem analogen Leben nicht bitten, uns im Digital alleinzulassen – und dennoch kommt’s mir komisch vor, wenn unter dem Hashtag #digitaleKirche über Abteilungen in Landeskirchenämtern und Strukturveränderungen auf EKD-Ebene diskutiert wird. Ja, es kann schon sein, dass auch da manche Veränderungen hilfreich wären. Aber irgendwo in einer Höhle am Rande des Digitals liegt die alte Schriftrolle mit den 95 Thesen des Cluetrain-Manifests. Und da lautet die 7. These:

Hyperlinks subvert hierarchy.

In der Welt der Buchdrucker gab’s vor 500 Jahren ja schon mal 95 Thesen – und den alten Madensack, der mit den Buchdruckern und seinen Thesen die Hierarchie untergraben hat. Ja, OK: In der Reformation 2.0 hat Luther dann trotzdem das Landesherrliche Kirchenregiment eingeführt. Den Markgrafen in Kulmbach und die übrigen Landesherren hat das Volk in den letzten Jahrhunderten abgeschafft, das Kirchenregiment ist noch da. Ja, wir in der Kirche verändern uns nicht so schnell. Damit die Kirche im Digital schneller blüht, wollen Einige jetzt das Kirchenregiment nutzen:

„Landeskirchen und EKD sind hier deshalb kurzfristig als Impulsgeber und Ermöglicher gefragt. Mittelfristig wird es auch darum gehen, die kirchliche Basis in der Entwicklung und Erprobung von Konzepten, in Fragen der Aus- und Fortbildung oder in Prozessen rund um die Veränderung des Pfarr- und Gemeindebildes zu unterstützen, die sich aus dem Digitalen Wandel ergeben.“

Ingo Dachwitz, Jugenddelegierter in der EKD-Synode

Luther wollte die Kirche seiner Zeit kurzfristig aus der Herrschaft der Bischöfe befreien und hat sie deshalb den Fürsten als „Notbischöfen“ unterstellt. Das hat die kirchlichen Strukturen und den Eindruck, den Kirche bei Außenstehenden erzeugt, mittelfristig mindestens 500 Jahre lang beeinflusst. Wenn’s zuerst um Kompetenzzentren, Stabsstellen, Konferenzen, Strategien, Agenturen u.ä. gehen soll, denen die „kirchliche Basis“ erst mittelfristig folgen kann, dann habe ich nicht den Eindruck, dass die Kirche ins Digital wandert, sondern den, dass ein Unternehmen auf den Markt marschiert. Zu digital vernetzten Märkte sagen aber die Cluetrain-Thesen 1-3:

  1. Markets are conversations.
  2. Markets consist of human beings, not demographic sectors.
  3. Conversations among human beings sound human. They are conducted in a human voice.

Mit menschlicher Stimme sprechen – das ist in der Kirche auch denen nicht fremd, für die das Digital eine fremde Galaxie ist. Mit menschlicher Stimme sprechen – das wollte meine Mentorin mir im Vikariat beibringen. Und sie meinte, dazu müsse ich das Digital verlassen. Ja, wir müssen vielen Internetausdrucker*innen in unserer Kirche noch nahebringen, dass analoges und digitales Leben sich nicht widersprechen! Und dabei können Stabsstellen wirklich ermutigen und wichtige Impulse geben (bei mir war’s Christoph Breit, der an einem Vormittag ins Predigerseminar kam) – aber diese Impulse müssen dann bei den Menschen wirken, die mit menschlicher Stimme im digitalen und analogen Raum zu anderen Menschen sprechen können.

Im Predigerseminar habe ich auch gelernt, dass Impulse zur Veränderung überkomplexer Systeme (wie der Kirche) nicht immer so (schnell) wirken, wie sich’s die Impulsgeber wünschen. Sollten wir das Recht der alten Welt nutzen, um die Wanderung ins Digital zu beschleunigen? Eine Präsenzpflicht in Sozialen Medien, mit der Pfarrer*innen zur Umsetzung einer landeskirchlichen (oder EKD-weiten) Strategie gezwungen würden, wird keine menschlichen Stimmen, sondern pflichtgemäße Äußerungen hervorbringen. Wen sollte das interessieren?

Tobias Graßmann argumentiert dennoch für die Social-Media-Präsenzpflicht, weil Pfarrer*innen, die sich in Sozialen Medien engagieren, ihr Engagement dann nicht mehr begründen müssten. Formal stimmt das. Aber Frau Meier und Herr Müller im Betreuten Wohnen, die gerne öfter analogen Besuch vom Pfarrer hätten, werden trotzdem nicht verstehen, warum ich nicht jede Woche vorbeikommen kann. Das Pfarrerdienstrecht entlastet uns nicht davon, dass wir nicht alle Wünsche erfüllen können.

Als ich meine Dienstordnung mit meinem damaligen Dekan ausgearbeitet habe, konnte ich auch ohne digitale Präsenzpflicht 55 Minuten pro Woche (oszillierend) für „Online-Präsenz und Social-Media“ in die Arbeitsbeschreibung aufnehmen. Ja, es wäre gut, wenn da viel mehr als 55 Minuten stehen würden. Aber die Zeit für viele andere Dinge ist in der Dienstordnung auch extrem knapp bemessen. 55 Minuten sind ein Anfang. Und wenn mein Probedienst im Jahr 2019 endet, wird mit der neuen Dekanin neu verhandelt. Dann hilft „Profil und Konzentration“ vielleicht, noch stärker Schwerpunkte zu setzen.

Ja, das dauert alles viel zu lang. Ich würde den (digitalen) Wandel der Kirche auch gerne beschleunigen. Ich würde den Weg zur digitalen Kirche auch gerne in operationalisierbare Schritte zerlegen, die planmäßig erreichbar sind und von irgendjemand klar verantwortet werden: Listen mit Tools für digitale Projekte schreiben, Strategien formulieren, Stellen schaffen … aber am Ende ist’s trotzdem ein langer Prozess, bei dem nicht nur ein Team (oder gar ein Einzelner) die Verantwortung übernehmen kann. Ein Prozess, bei dem wir vor allem die motivieren müssen, die noch nicht im Digital wandern. Wie können wir motivieren? Vielleicht indem wir von dem erzählen, was uns motiviert. Mich motiviert z.B. Folgendes:

„We think of complex institutions and organizations as being like well-oiled machines that work reliably and almost serenely so long as their subordinate pieces perform their designated tasks. Then we go on the Web, and the pieces are so loosely joined that frequently the links don’t work; (…) But, that’s ok because the Web gets its value not from the smoothness of its overall operation but from its abundance of small nuggets that point to more small nuggets. And, most important, the Web is binding not just pages but us human beings in new ways. We are the true „small pieces“ of the Web, and we are loosely joining ourselves in ways that we’re still inventing.“

David Weinberger, Small Pieces loosely joined, Preface

Aber das alte Buch von Weinberger ist doch ebenso Digitalromantik wie die Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace! Heute sorgen doch die Apps der großen Unternehmen dafür, dass das Web reibungslos funktioniert! – Und was wären die Apps ohne die „small nuggets“, die wir Menschen hineintragen?

Ja, ich bin wohl auch Digitalromantiker. Ich sehe, dass wir für den digitalen Kulturwandel in der Kirche noch viel tun müssen (nicht um der Digitalisierung willen, sondern um der digitalen Gesellschaft gerecht zu werden, für die wir Kirche sind). Aber Zeichen des Kulturwandels (nicht nur von Kulturtechniken und Spezialkompetenzen) sind für mich die vielen kleine Dinge von allen Ebenen, die sich mit dem Hashtag #digitaleKirche und vielen Links lose verbinden. Das ist nicht perfekt – aber menschlich. Und wir wollen doch von einem erzählen, der Perfektion aufgegeben hat, um Mensch zu werden – oder?

Ja, es gibt noch unendlich viel zu tun. Packen wir’s an und lassen wir uns überraschen, wie sich die vielen kleinen unkoordinierten Dinge, die’s schon gibt, mit denen, die noch kommen, verbinden! Vielleicht hilft uns ein bisschen Romantik, um die, die bisher nur analog in der Kirche unterwegs sind, zur Wanderung ins Digital einladen.


PS: Falls das Landeskirchenamt mich anruft, könnten wir natürlich auch über das sprechen, was im folgenden Video bei 1:59 Min. und 2:09 Min. besungen wird. 😉

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