Spaziergang in die Institution

Seit knapp drei Wochen ist mein Vertrauen in meine Kirche als Institution massiv erschüttert. Ich habe mein Vertrauen darauf verloren, dass Zusagen gegenüber VikarInnen eingehalten und unsere Interessen im Stellenvergabeverfahren auf nachvollziehbare Weise in einen Interessensausgleich mit kirchlichen Interessen eingebracht werden. Briefe, E-Mails und Terminverschiebungen haben mir meine Kirche als Dienstherrin gezeigt, die mir nicht mit der oft proklamierten Willkommenskultur für Berufseinsteiger und einem zeitgemäßen PfarrerInnenbild, sondern mit harten Forderungen an PfarrerInnen und ihre Familien und mit intransparenten Machtstrukturen begegnet. Ich habe gelernt, dass es eine ecclesia abscondita1 gibt, die sich erst nach zwei Examina am Vikariatsende langsam offenbart2.

Will ich dieser Herrin wirklich dienen? Will ich wirklich eine Pfarrstelle in dieser Kirche haben? Oder lehne ich die Stelle ab, die mir zugewiesen wird, auch wenn es die sein sollte, die in meiner Wunschliste auf Platz 1 steht? Die Konfrontation mit dieser Institution endet ja nicht, wenn ich meine Probedienststelle bekomme. Sie beginnt dann erst. Und es geht nicht nur um’s PfarrerInnenbild. Spätestens bei einer Kirchen-, Pfarrhaus- oder Kindergartenrenovierung werde ich den Entscheidungs- und Machtstrukturen, die mir jetzt abschreckend vorkommen, wieder begegnen. Wie werde ich mich an die Institution anpassen? Werde ich mit Wissen über die Lücken in offiziellen Regeln und in inoffiziellen Gesprächen mit einflussreichen Personen zu einem Pfarrer, den ich nicht im Spiegel sehen will?3

Die meisten PfarrerInnen, denen ich von meinen Eindrücken erzähle, reagieren entweder mit Wut, die aus eigenen Erlebnissen kommt, oder mit Schulterzucken. Alles ganz normal. Ganz normal, wenn man mal richtig in dieser Institution drin ist. Will ich da rein? Bin ich bereit zu einem Marsch in die Institution, bei dem ich ein paar Jahre lang wütend für Veränderungen kämpfe, bevor mich die Resignation irgendwann zum Schulterzucken bringt? Ist so ein Marsch ein unvermeidlicher Teil des Erwachsenwerdens für Berufseinsteiger oder würde es mir woanders besser gehen? Ich kann doch auch einen anderen Job machen! Wann sollte ich gehen, wenn nicht jetzt?

Karo Gerleigner erzählt mir von ähnlichen Fragen. Sie weiß schon viel konkreter als ich, was sie anstelle des Pfarrberufs gerne machen würde. Aber am nächsten Tag erzählt sie mir von Krippenspielkindern, die sie motiviert hätten, doch ins Pfarramt zu gehen. Sie will das Abschreckende aber nicht ignorieren, sondern für Willkommenskultur in der Institution arbeiten.

„Wie soll das gehen?“, frage ich. „Indem ich die anderen an’s Kindsein erinnere“ antwortet sie. Kindsein, spielerisch arbeiten und andere zum Spielen einladen – in einer uralten Institution, die seit ihren Ursprüngen bei Markgraf Georg dem Frommen von Erwachsenen beherrscht wird. Geht das? Es muss gehen, wenn unsere Kirche nicht nur die sichtbare Institution aus der Tradition des markgräflichen Kirchenregiments ist, sondern auch die unsichtbare Kirche des Herrn, der sagt, dass das Himmelreich den Kindern gehört.

Kindsein und ausprobieren, was geht und was nicht geht. Heiße Herdplatten anpacken – und sich manchmal die Finger verbrennen. Weinen, aber auch wieder Lachen. Mal brüllen, dann weiterspielen. Loslaufen, hinfallen und wieder aufstehen. Die Angst vor dem Hinfallen immer wieder überwinden. Einen Sandkasten suchen und etwas Eigenes bauen – auch wenn’s der nächste Regen oder die Großen bald wieder plattmachen. Manches wird stehenbleiben. Vieles wird anders als geplant. Um den Plan geht’s aber nicht. Es geht um’s Spiel. Und wer kreativ bleibt, der kann immer wieder weiterspielen.

Kindsein und Pfarrer werden – das klingt nach einer total verrückten Kombination. Ist das ein Konzept für den Marsch in die Institution oder eine Einladung zu einem Spaziergang mit einer unwahrscheinlichen Hoffnung? Auf jeden Fall ist’s nicht vernünftig. Das muss niemand (rational) verstehen. Das ist naiv und schutzlos. Das beantwortet viele Fragen nicht, aber es holt mich trotzdem aus meinen Fragen. Eine verrückte Hoffnung – gegen jede Realität der erwachsenen Welt. Ich mag verrückte Sachen.


  1. Für Nichttheologen: „verborgene Kirche“. Luther spricht vom „deus absconditus“, vom verborgenen Gott, wenn es um Fragen zum Gottesbild geht, die wir nicht beantworten können. 
  2. Hinweis für Examis: Wenn ihr denkt, dass sich die ecclesia abscondita schon im ersten und/oder zweiten Examen offenbart, dann wisst ihr noch nicht, was auf euch zukommt. 
  3. Ich hab das früher in der Studierendenschaft einer kirchlichen Hochschule schon mal geübt und jetzt eigentlich keine Lust, diese Verhaltensmuster wieder auszupacken. 
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2 Gedanken zu “Spaziergang in die Institution

  1. Keine

    Die ersten Abschnitte Ihrer Artikel finde ich immer sehr interessant und leider auch traurig, wenn ich da an unsere Kirche denke.
    Den Schluss der Artikel finde ich, obwohl ich mich als kirchlich verstehe, als übergestülpt, als falsches Happy End, irgendwie vertröstend: wie eine Andacht oder Besinnung an der falschen Stelle. Schade eigentlich, dass Ihre Artikel nicht in der Mitte enden.

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    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich sehe den Bruch zwischen den ersten Abschnitten und dem Schluss, den Sie ansprechen, auch. In meinen Artikeln steht sehr nah zusammen, was im Erleben über mehrere Tage und Wochen verteilt war. Da gab’s bei mir Momente, in denen ich zu Einsichten gekommen bin, die mir helfen, manche Schwierigkeiten anzunehmen, die sich kurzfristig nicht ändern lassen. Manchmal war ich dann selbst überrascht.

      Als „falsches Happy End“ wirkt das vielleicht, wenn’s hier am Ende eines Artikels steht. Aber ich erlebe das alles in einem Zusammenhang, in dem’s für mich noch lange kein Ende gibt. Das, was mich momentan tröstet, ist noch sehr unkonkret und erscheint deshalb vielleicht aus Ihrer Perspektive vertröstend. Aber für mich ist es eine Hoffnung, die sich in den nächsten Wochen, Monaten oder Jahren langsam konkretisieren könnte.

      Da geht’s für mich nicht um ein „Happy End“, bei dem alles gut wird. Aber es geht mir um meine Einstellung zu dem, was ich jetzt nicht gut finde. Ja, ich könnte in der Mitte aufhören. Aber ich sehe eine Hoffnung, die ich nur schwer plausibel machen kann, die mich aber motiviert, noch ein bisschen weiterzugehen und zu schauen, was dann kommt.

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