Klärungsbedarf

Alles ist scheinbar perfekt geregelt: Das „System Kirche“ hat Formulare gestaltet, in die wir unsere Bedürfnisse und Wünsche eingepasst haben. Das System hat Fristen und Termine gesetzt, die den Prozess bestimmen sollten, in denen unsere Interessen mit kirchlichen Interessen zusammengebracht werden. Wir haben mit diesen Terminen eigene Pläne gemacht. Große und kleine: Ich habe mir z.B. mit meiner Frau Zeiten reserviert, in denen wir uns über Orte auf der Probediensstellenliste informieren und unsere Prioritäten festlegen wollten. Aber jetzt wurde der Termin, an dem die Liste verschickt wird, verschoben. Es gibt „Klärungsbedarf“.

Irgendetwas konnte nicht bis „Tag X“ geklärt werden. Wir ärgern uns. Wir wissen nicht, was da schiefgelaufen ist. Hat jemand Mist gebaut? Können andere einfach Termine verschieben, an die wir VikarInnen uns (mit unseren Familien) halten müssen? Wir fühlen uns wie Spielfiguren in einem Spiel, das von den Spielern verschoben wird. Figur, ärger dich nicht! Wenn ich aus Holz oder Plastik wäre, wär das einfach. Aber ich bin kein Holzkopf und kein Plastikhohlkörper. Ich habe eigene Pläne und Gefühle. Und eine Frau, die mit mir auf die Liste gewartet hat – und die sich jetzt mit mir geärgert hat.

Ich musste aber auch schmunzeln: Da ist alles perfekt geregelt – mit Fristen und Formularen. Da erschien mir alles in der Verwaltung so heilig und würdig wie in manchen Gottesdiensten, wo Würdenträger mit Talar und Amtskette auftreten. Und dann gibt’s „Klärungsbedarf“. Ein Satz, den ein Kollege im Predigerseminar oft zitiert hat, fällt mir ein: „Humor entsteht, wenn Würde verloren geht.“

Und wenn ich weiterdenke, kommt echte Freude dazu: „Klärungsbedarf“ ist doch ein Zeichen von Menschlichkeit in einem System, in dem ich sonst oft nur Regeln, Fristen und Formulare sehe. Da müssen und können Menschen, die in diesem System arbeiten, noch etwas klären. Da haben die geregelten Termine nicht das letzte Wort. Da ist Spielraum für das, was irgendjemand wichtig ist – möglicherweise bei anderer Gelegenheit auch mal für das, was mir wichtig ist.

Beim Pfarrerinnen- und Pfarrertag der ELKB am 19.9. wurde im „Pfarrerbild der 2000“ zwischen „unauflösbaren Spannungen“ und „zu bearbeitenden Drucksituationen“ unterschieden1. Die Probedienststellenvergabe ist für uns VikarInnen mit unseren Familien eine Drucksituation, über die wir uns ärgern. Kann man das System so bearbeiten, dass der Druck geringer wird? Wir hören, dass bei KollegInnen, die vor uns in den Probedienst gegangen sind, Listen erst verschickt und dann wegen „Klärungsbedarf“ zurückgezogen und nochmal verschickt wurden. Das soll bei uns vielleicht vermieden werden. Da wird schon an Änderungen im System gearbeitet. Aber eine unauflösbare Spannung zwischen dem Planbaren und der Realität müssen wir wahrscheinlich nicht nur jetzt, sondern auch später im Pfarramt immer wieder aushalten.

Gute Pläne können geändert werden, damit das Leben zwischen ihnen Platz hat. Nicht nur in der Kirche, sondern in der ganzen Welt. Eventuell nicht nur in dieser Welt: Vor 2000 Jahren gab’s Jünger, die enttäuscht waren, weil sie auf den Tag, an dem der Herr wiederkommen wollte, länger warten mussten als gedacht. Da hat der Herr vielleicht seinen Plan geändert. Warum sollte die Kirche perfekter sein?


  1. Vgl. dazu S. 14 der Präsentation, die bei berufsbild-pfr.de heruntergeladen werden kann. 
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2 Gedanken zu “Klärungsbedarf

  1. J. Haller

    „Menschel“ gut, alles gut!?
    Die Erkenntnis, dass es Raume und Situationen in denen es „menschelt“, ist -gerade in Bezug auf etwaige starre und übersteigerte Erwartungen- heilsam. Auf die Wirren der Stellenvergabe mit Gelassenheit, einer Portion Humor und Gottvertrauen zu reagieren ist unerlässlich,da gebe ich Dir vollkommen recht.
    Allerdings hat ist die Stellenvergabe auch eine existentielle Komponente. Seien es Singels, Paare oder Familien, die Landskirchen entscheiden oft nicht nur über das weitere Leben ihrer einzelnen Angestellten, sondern diese Entscheidung betrifft oft ein ganzes soziales System. Ich erwarte hier eine gewisse Professionalität bzw. Transparenz von meinem Arbeitgeber, die ich leider oft vermisse. Hätte ich das Gefühl, dass die Landeskirche wirklich versucht im meinem besten Interesse zu handeln, nähme ich kleine Lapalien, wie Terminverschiebungen etc. ohne murren in Kauf. Aber oft sind das einfach kleine und große Lieblosigkeiten, die sich ganz einfach vermeinden hättem lassen.
    Dass Gott auch aus dem größten Dung etwas wachsen lassen kann, ist mein einziger Trost. Wenn das kein Humor ist, dann weiss ich auch nicht. ;)

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    1. Nein, nicht alles gut. Aber auch nicht alles sch… und vielleicht nicht alles gemein und böse.

      Transparenz und Professionalität vermisse ich auch. Aber ich find für mich die Überlegung tröstlich, dass auch vermeidbare Fehler oft menschliche Fehler sind. Ich mach in meiner Arbeit ja auch haufenweise Fehler – und ich hab nicht den Eindruck, dass ich sie lieblos mache.

      Ja, es geht um existentielle Fragen für soziale Systeme und deshalb tut’s besonders weh, wenn Dinge passieren, die lieblos wirken. Aber ich find’s für mich hilfreich, nochmal zu überlegen, ob wirklich Lieblosigkeit dahinter stecken muss, wenn ich mich lieblos behandelt fühle. Heute will ich das nicht als einzige Erklärungsmöglichkeit annehmen.

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