Tag X, Y, Z – Warten als Vertrauensübung?

Morgen ist es so weit: „Tag X“ kommt – so nannte neulich eine Kollegin den Tag, an dem die Liste mit den Probedienststellen endlich verschickt werden soll. Was wird wohl auf der Liste stehen? Werden Orte draufstehen, in denen ich in den nächsten Jahren gerne arbeiten und leben würde?

Drei Stellen soll ich dann auswählen und priorisieren. Mit „stichhaltigen und schwerwiegenden Gründen“ könnte ich sagen, dass ich manche Stellen von der Liste nicht will. Aber ob ich dann eine meiner drei Favoritenstellen bekomme oder eine andere, das entscheidet der Probedienstausschuss erst im Dezember.

Freunde und Familienangehörige fragen mich und meine Frau: „Wird’s jetzt klarer, wo’s für euch hingeht?“
Nein, das wird erst im Dezember klar. Wenn morgen „Tag X“ ist, dann dauert’s noch einen ganzen Monat bis „Tag Z“. Dazwischen wird’s einen „Tag Y“ geben, an dem wir erfahren, wo’s wahrscheinlich hingeht. Aber dann folgt noch eine Schweigephase bis 16.12. In dieser Phase könnte sich noch etwas ändern. Erst nach dem 16.12. werden wir über Orte sprechen.

„Du kriegst sowieso das, was du nicht willst“ sagen mir PfarrerInnen, die ihren Probedienst längst hinter sich haben oder gerade mittendrin sind. Manche meinen das nicht ironisch. Manche meinen, das sei das Prinzip der Stellenvergabe. Das kann ich mir – trotz allem, was mir an einer kirchlichen Hochschule, in zwei Examina und im Vikariat absurd erschien – nicht vorstellen. Das wär ja völlig unlogisch. Irgendeine Logik hab ich bisher in der kirchlichen Verwaltung immer gefunden1. Nur nicht unbedingt meine.

Es geht ja nicht nur um mich, wenn Probedienststellen verteilt werden. Es geht auch um KollegInnen, die Probedienststellen wollen – und natürlich um Gemeinden, die sich PfarrerInnen wünschen, und vakante Pfarrstellen, die besetzt werden sollen. Wenn ich mir vorstelle, wieviele persönliche und kirchliche Interessen da im Spiel sind, seh ich großes Chaos.
Und wenn das Chaos geordnet wird, darf ich nicht mitspielen. Ich sitze nicht im Probedienstausschuss. Ich muss darauf vertrauen, dass da Leute sitzen, die die unterschiedlichen Interessen bestmöglich zusammenbringen. Ab morgen darf ich Wünsche äußern, aber wenn’s dann im Dezember ernst wird, bin ich kein Mitspieler, sondern eher eine Figur auf dem Spielfeld.

Das Gefühl des Kontrollverlusts hat Karo Gerleigner neulich schon beschrieben. Im Kontrollverlust sehe ich zwei Möglichkeiten: Blindes Vertrauen oder Misstrauen gegenüber dem System und den Menschen, die im System die Kontrolle haben. Angesichts mancher Erfahrungen wirkt Vertrauen ein bisschen naiv, vielleicht sogar dumm. Aber Misstrauen vergiftet die nächsten vier Wochen2. Kann ich die Zeit bis „Tag Z“ als Vertrauensübung nutzen?

Ich kann sicher nicht darauf vertrauen, dass (alle) meine Wünsche erfüllt werden – aber ich könnte darauf vertrauen, dass die Menschen, die im Stellenvergabeverfahren die Kontrolle haben, meine Wünsche und Interessen und alle anderen Wünsche und Interessen so ernst nehmen und so gut zusammenbringen, wie sie’s können. Dieses Vertrauen könnte mir helfen, „gut, gerne und wohlbehalten“ auf „Tag Z“ zu warten.


  1. Im Zweifelsfall nach kurzer Wut und langer Suche in der Rechtssammlung der ELKB oder in ungeschriebenen Gesetzen. 
  2. Vielleicht sorgt’s auch dafür, dass es langfristig schwieriger wird, „gut gerne und wohlbehalten“ zu arbeiten. 

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