Der Vater in Sâmbăta

Er saß so still und unscheinbar im dunklen Chorgestühl der Kapelle, dass ich ihn zunächst gar nicht bemerkt habe. Erst als unser Guide zu der dunklen Ecke ging, sah ich, dass da ein Mönch mit schwarzem Gewand, schwarzem Hut und graubraunem Bart saß. Ganz still, er wirkte wie im Gebet versunken. „Vielleicht sollten wir die Kapelle schnell wieder verlassen“, dachte ich. Wir, die bayerischen lutherischen VikarInnen auf Studienreise, sollten diesen rumänisch-orthodoxen Mönch im Kloster Sâmbăta de Sus doch nicht in seiner Gebetsruhe stören.

Aber unser Guide, ein orthodoxer Diakon, ging zu ihm und sprach ihn als „Vater“ an. Und der Vater stand auf. Er wirkte überhaupt nicht gestört. Im Gegenteil: Er freute sich sehr über die unerwartete Begegnung mit unserem Guide und über unseren Besuch. Er erzählte uns von der hesychastischen Tradition des Klosters, in der die Mönche in Einsamkeit innere und äußere Ruhe und Gemeinschaft mit Gott suchen. Nur zu den Mahlzeiten kommen sie zusammen. Der Vater wollte uns aber nicht nur von seiner Spiritualität erzählen, sondern uns in die liturgischen Traditionen seiner Kirche mit hineinnehmen. Er sang – zusammen mit dem Diakon – für uns und mit uns orthodoxe Lieder.

Später hörten wir von der Seelsorgepraxis der Väter, zu denen Menschen aus ganz Rumänien kommen. Ich stellte mir vor, wie diese Menschen in diesem Kloster am Rand der Karpaten den Vätern und dem Ort begegnen. Ich habe dort ganz viel Ruhe gespürt. Eine achtsame Ruhe, die offen ist für den Moment – auch für den Moment, in dem Gäste kommen. Eine gastfreundliche Ruhe, die sich stören, aber nicht beunruhigen lässt. Eine himmlische Ruhe, die aus der Gebetspraxis in der Einsamkeit kommt und die sich in der Gemeinschaft mit Besuchern wohltuend verbreitet.

Könnte so eine himmlische Ruhe auch in einem evangelischen Pfarrhaus spürbar sein? Pfarrhäuser stehen mitten im Dorf oder in der Stadt, nicht in einsamen Gebirgstälern. Evangelische Pfarrer und Pfarrfamilien arbeiten und leben seit Luther nicht getrennt von der weltlichen Alltagshektik, sondern mittendrin. Kann ich mir, wenn ich demnächst in einem Pfarrhaus lebe und arbeite, ab und zu die Zeit nehmen, um still und unscheinbar in einer Ecke zu sitzen? Und kann ich mich dann von Besuchern stören, aber nicht beunruhigen lassen und sie in ein kleines Stück himmlische Ruhe mit hineinnehmen?