betwixt and between

„Das Examen ist eigentlich ein Initiationsritus“ sagte eine Prüferin am Abend zwischen unseren mündlichen Prüfungen zu mir und zwei Kolleginnen. Sie meinte, im Examen ginge es nicht nur um Wissen und Reflexionsfähigkeit, sondern um eine Prüfung der Belastbarkeit, die mit archaischen Ritualen vergleichbar sei, „bei denen die Alten gemein zu den Jungen sind, bevor die Jungen endgültig dazugehören.“

Ich denke an Indianerbücher, die ich als Kind gelesen habe. Vor meinem inneren Auge sehe ich die Alten vom Stamm der Schwarzkittel um einen jungen Indianer tanzen, der erst gepiesackt wird und dann eine einsame Reise mit geistigen und spirituellen Herausforderungen machen muss, bevor er in einem weiteren Ritual im Kreis der Alten die Pfeife rauchen darf.

Wissenschaftlich kann man natürlich von Passageriten sprechen, die laut Arnold van Gennep „Ablösungs-“, „Zwischen-” und „Integrationsphasen“ markieren1. Das Zweite Examen dürfte ein Schwellenritus sein, der den Beginn einer Zwischenphase kennzeichnet. Victor Turner bezeichnet solche Phasen als „liminale“ (grenzwertige bzw. grenzüberschreitende) Phasen, in denen sich betroffene Individuen „in einem mehrdeutigen Zustand“2 befinden. Sie sind „betwixt and between“ in einem Zustand, der „ambivalent und paradox, aber auch kreativ und dramatisch“3 wahrgenommen wird.

„Sie haben ihr Examen jetzt bestanden und bekommen ihre Pfarrstelle erst im März?! Was machen Sie so lange?“ hat mich der Arzt gefragt, bei dem ich am Tag nach meinen mündlichen Prüfungen zur vertrauensärztlichen Untersuchung vor dem Probedienst war.
Ich mache Gottesdienste, Religionsunterricht und vieles andere, was Vikare so machen. Ich bin aber nicht nur in der Gemeinde: Ich reise mit KollegInnen zum Ökumenischen Lernen nach Rumänien und wenn ich von dieser Reise zurück bin, warte ich auf die Liste mit den Probedienststellen, danach auf die Entscheidungen zur Stellenvergabe – und ich kann und soll die Zeit nutzen, um über mein Verständnis von Ordination und (Pfarr)Amt nachzudenken.

Die herausfordernde Zeit ist mit dem Examen nicht vorbei, die nächste geistige und spirituelle Herausforderung wartet schon. Ich will sie aber nicht als einsamer Indianer bestehen: Ich hoffe auf Gespräche mit KollegInnen, die ebenfalls im nächsten Frühjahr ordiniert werden4. Und vielleicht schreib ich ein paar Blogartikel zu Ordinationsgedanken, die gerne kommentiert werden dürfen. Heute schon mal ein erster Gedanke:

Die Ordination – das ist der Ritus, bei dem die alten Schwarzkittel mit dem jungen Kollegen in eine Kirche einziehen. Da endet meine liminale Phase mit einem Gottesdienst, irgendwann im März oder April 2016. Dann beginnt die Integration in eine neue Gemeinde und ein neues Pfarrkapitel. So weit bin ich jetzt noch nicht. Jetzt bin ich in der Liminalität zwischen Vikariat und Pfarramt. Und das ist keine lästige Wartezeit, sondern kreative Vorbereitungszeit. :)


Titelbild: (C) ANNA brecheis.


  1. Vgl. Axel Michaels: Art. „Rites de passage I. Religionswissenschaftlich“
    in: RGG4, Bd. 7 R-S, Sp. 534f. 
  2. Wikipedia-Artikel Liminalität
  3. Michaels, ebd. 
  4. „In der Liminalität der Ereignisse kann nach Turner auch ein starkes Gemeinschafts- und Gleichheitsgefühl (communitas) entstehen.“ (Michaels, ebd.) 
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